Inhaltliche Stringenz und klare Argumentationslinien sind das A und O einer wissenschaftlichen Arbeit – und nicht selten die größte Herausforderung. Besonders bei komplexen Themen besteht schon einmal die Gefahr, den Überblick zu verlieren. Umso wichtiger ist es deshalb, die Thesis strukturiert anzugehen und sie schrittweise zu bewältigen.

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Diese 5 Tipps helfen dabei, einen roten Faden durch die Thesis zu ziehen – und sich konsequent daran zu halten:

1. Das inhaltliche und methodische Grundgerüst bauen

Viele Studierende denken beim Thema „Struktur“ zunächst einmal an das, was einem bereits aus der Schulzeit als „Gesetz des Schreibens“ bekannt ist. Einleitung – Hauptteil – Schluss. Leider nützt einem diese Grobgliederung in der bloßen Theorie kaum etwas. Selbstverständlich hat jede Arbeit ihr Anfang und ihr Ende und in der Mitte passiert idealerweise so viel Spannendes, dass das Fazit besonders erkenntnisreich ausfällt. So weit, so gut. Damit aus dem Anfang-Mitte-Ende-Prinzip jedoch ein handfester Thesis-Fahrplan wird, muss man wissen, wie man es inhaltlich sinnvoll mit Leben füllt.

Man könnte meinen, dass Einleitung und Schluss überwiegend schmuckes Beiwerk sind, die nur den Rahmen um das spannen, wo die eigentliche Magie passiert. Tatsächlich aber ist gerade die Einleitung der Ort in der Bachelor-, Doktor- oder Masterarbeit, an dem der rote Faden seinen Ursprung nimmt. Die Einleitung leistet das, was in der Startup-Szene als „Pitch“ bezeichnet wird. Beim Pitch geht es darum, in möglichst kurzer Zeit von einer Idee zu überzeugen, um so das Interesse von Investoren zu gewinnen. Auf die wissenschaftliche Arbeit bezogen heißt das: Potenziellen Lesern auf möglichst wenig Raum, mit fundierten Fakten zu verdeutlichen, warum sie an dieser Stelle unbedingt weiterlesen müssen. Wer die Einleitung als Pitch versteht, schafft aber nicht nur für den späteren Leser Klarheit, sondern definiert sich selbst eine Art Roadmap, die anschließend konsequent abgearbeitet werden kann. So lässt sich mithilfe weniger Fragen in drei Schritten das Grundgerüst einer jeden Thesis bauen.

Was und Warum?

Am Anfang der Thesis steht immer ein – mehr oder weniger breit gefasster – Themenkomplex, der in irgendeiner Art und Weise für unsere Gesellschaft insgesamt oder für einen Teil dieser relevant ist. Unabhängig von Fachgebiet und Art der Arbeit sollte die erste Frage daher immer lauten: Womit beschäftige ich mich genau und welche besondere Bedeutung kommt diesem Thema zu? Unmittelbar daran schließt sich die Beschreibung des Problems an, welches sich aus dem Thema ergibt. Warum ist es wichtig, dass ich gerade dieses Thema näher beleuchte? Wurde ihm im wissenschaftlichen Kontext bisher keine oder wenig Beachtung geschenkt? Wurde es nur unter bestimmten (unzureichenden) Aspekten betrachtet? Oder ist es lediglich mit bestimmten (unzureichenden) Methoden untersucht worden?

Wozu?

Nach der Identifikation bisheriger Forschungslücken gilt es herauszustellen, warum es sich lohnt, diese Lücke zu schließen. „Wozu?“ ist möglicherweise die wichtigste Frage auf dem Weg zum roten Faden. Denn sie beinhaltet auch: „Warum solltest ich hier weiterschreiben?“ Es mag merkwürdig klingen, aber sich selbst klarzumachen, welchen übergeordneten wissenschaftlichen Mehrwert man leistet, ist von enormer Bedeutung, um sich während des Schreibprozesses nicht in Details zu verlieren, die keinen Beitrag zur Lösung des originären Forschungsproblems leisten.

Wie?

Das „Wie?“ ist schließlich eine Frage nach dem Rahmen, in dem die wissenschaftliche Auseinandersetzung stattfindet. Welche Teilfragen muss ich beantworten, um Ergebnisse zu meiner zentralen Forschungsfrage zu erhalten? Und: Auf Basis welcher Methodik schaffe ich das eigentlich? Das „Wie?“ rundet den wissenschaftlichen Pitch ab, indem es den inhaltlichen und methodischen Fahrplan zur Beantwortung der übergeordneten Fragestellung definiert.

Hat man all diese Fragen für sich beantwortet, ist der rote Faden eigentlich schon komplett. Jetzt gilt es, diesen nicht aus den Augen zu verlieren, sondern sich schrittweise durch die eigens definierte Roadmap zu arbeiten.

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2. Die Macht der Visualisierungstechniken nutzen

Wie der Begriff Roadmap schon sagt, kann man sich die wissenschaftliche Arbeit als Straße mit mehreren Meilenabschnitten vorstellen. Warum man das genau so tun sollte? Es gilt längst als bestätigt, dass unser Gehirn Informationen besser verarbeiten und aufnehmen kann, wenn wir sie uns bildlich in Erinnerung rufen. Sowohl in der Wissenschaft als auch im Wirtschaftsleben ist es daher gängige Praxis geworden, komplexe Sachverhalte in Schaubildern und Infografiken zu visualisieren. Es wäre geradezu nachlässig, sich diese Methode beim wissenschaftlichen Arbeiten nicht zunutze zu machen. Ob in Gestalt einer Mindmap, eines Flussdiagramms oder in einer alternativen Form: Am besten beginnt man bei der übergeordneten Forschungsfrage und visualisiert davon ausgehend alle Teilfragen, die für deren Beantwortung von Bedeutung sind. Dabei kann man sich beispielsweise unterschiedlicher Farben, Formen, Größen und Linien bedienen, um Prioritäten oder Zusammenhänge zwischen einzelnen Teilfragen darzustellen. Visualisierungstechniken helfen dabei, die Unmengen an Informationen aus der Literaturrecherche thematisch besser einzuordnen. So schafft man Klarheit im Kopf und läuft nicht Gefahr, den roten Faden zu verlieren. Man sollte daher dafür sorgen, dass sich die visualisierte Roadmap während der gesamten Bearbeitungszeit in sichtbarer Reichweite befindet – ob auf dem Schreibtisch, an der Pinnwand oder auf dem Bildschirm.

3. Rechercheergebnisse selektieren – der Quickcheck

 

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Rechercheergebnisse konsequent zu priorisieren und zu selektieren, ist von enormer Wichtigkeit, denn viele Studierende verlieren an genau dieser Stelle den Überblick. Sie beschäftigen sich erst einmal mit allem, was thematisch in ihr Forschungsgebiet passt und finden dabei allerhand interessante Ergebnisse, die jedoch nicht zwangsläufig ihre konkrete Forschungsfrage betreffen. Möglicherweise kann es sinnvoll sein, über die eigene Arbeit hinausgehende Fragestellungen im Rahmen eines Ausblicks im Fazit zu thematisieren. Doch viel wichtiger ist, seine Zeit auf Ergebnisse zu verwenden, die einen auch tatsächlich im Sinne des Forschungsziels weiterbringen.

Deshalb gilt: Die Roadmap ist auch eine Checkliste. Mithilfe der Roadmap sollte jede neu gefundene Quelle einem Quick Check unterzogen werden.

Die Quick Check-Frage:

„Bringt die Quelle einen Mehrwert zur Beantwortung einer oder mehrerer Teilfragen auf meiner Roadmap?“

Egal, wie interessant das Gelesene auch noch erscheint – wenn es nicht im direkten Bezug zu den eigenen Fragestellungen steht, sollte die Quelle verworfen werden, um sich nicht in irrelevanten Sachverhalten zu verlieren, die Zeit und Energie kosten und den roten Faden der Arbeit gefährden.

4. Rechercheergebnisse frühzeitig dokumentieren und kategorisieren

Fällt der Quickcheck positiv aus, ist es wichtig, die Rechercheergebnisse nicht nur sofort, sondern insbesondere in systematischer Art und Weise zu dokumentieren. Denn unkoordiniertes Kritzeln auf Notizblöcken und Klebezetteln führt allenfalls zu Zettelchaos und hat somit denselben Effekt wie das notizenlose „einfach-drauflos-Lesen“: Spätestens nach der zehnten Quelle weiß niemand mehr, welche Information eigentlich wo gelesen (oder niedergeschrieben) wurde. Mithilfe der Roadmap lässt sich jedes Rechercheergebnis jedoch zumindest einer Teilfrage zuordnen. Darüber hinaus lassen sich weitere Kriterien zur Kategorisierung der wissenschaftlichen Fundstücke festlegen. Die beste Strategie ist, sich eine Schlagwortliste anzulegen. Zum Beispiel: Eine Forschungsthese soll anhand kontroverser wissenschaftlicher Perspektiven be- oder widerlegt werden. Ein Rechercheergebnis kann dann beispielsweise mit „Pro“ oder „Kontra“ verschlagwortet werden – je nachdem, ob es die These unterstützt oder eine Gegenposition liefert. Ein Schlagwortsystem erleichtert das spätere Wiederfinden inhaltlich zusammengehöriger Notizen und sorgt so dafür, dass man den Überblick über seine Notizensammlung behält.

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Die systematische Verschlagwortung von Notizen hat noch einen weiteren vorteilhaften Effekt: Sie macht es möglich, sich während des Schreibprozesses immer wieder in eine Art Vogelperspektive zu begeben, um Notizen im Gesamtkontext zu betrachten. Keine Frage: Die detaillierte Auseinandersetzung mit einzelnen Literaturquellen ist beim wissenschaftlichen Arbeiten unabdingbar. Und dennoch liegt der eigentliche Mehrwert einer Thesis nicht in der Reproduktion bereits existierender Forschungsansätze. So richtig spannend wird es erst dann, wenn Verbindungen zwischen diesen gefunden werden und Raum für eigene Schlussfolgerungen entsteht. Indem man sich schrittweise durch verschiedene Schlagwortkategorien arbeitet und die in der jeweiligen Kategorie hinterlegten Notizen gezielt auf Ähnlichkeiten oder Unterschiede prüft, schafft man sich auf strukturierte Art und Weise die Basis für neue (eigene) Erkenntnisse.

Die Idee hinter einem solchen Schlagwortsystem ist nicht neu. Viele Wissenschaftler arbeiten heute nach der sogenannten Zettelkastenmethode, die auf den berühmten deutschen Gesellschaftstheoretiker Niklas Luhmann zurückgeht. Luhmanns international bekannten Klassikerwerke zur Systemtheorie entstanden mithilfe eines hölzernen Karteikästchens, in das er seine Gedanken und Ideen in Form von handgeschriebenen Notizzetteln einsortierte. Indem er inhaltlich zusammengehörige Zettel über ein System aus Zahlen und Buchstaben miteinander verknüpfte, offenbarten sich ihm immer wieder neue Erkenntnisse, die seinen Zettelkasten kontinuierlich wachsen ließen.

Eine gut organisierte Notizensammlung ist also nicht nur Ausgangspunkt für eine strukturierte und inhaltlich stringente Thesis, sondern kann ebenfalls als eine Art Innovationshelfer dienen. Selbstverständlich muss sich heute jedoch niemand mehr durch hölzerne Karteikästen oder handgeschriebene Schlagwortlisten kämpfen. Stattdessen kann wissenschaftliches Arbeiten durch zahlreiche digitale Hilfsmittel unterstützt werden.

5. Mit den richtigen Tools arbeiten

Für schnelle Visualisierungen bieten sich beispielsweise Mindmappingtools wie Mindmeister oder Xmind an. Und auch Luhmanns Zettelkastenmethode funktioniert inzwischen papierlos. Digitale Zettelkästen wie Auratikum beinhalten integrierte Funktionen zur systematischen Archivierung und Strukturierung von Notizen und Gedanken. Der rote Faden entsteht darin nicht etwa durch Blättern in Papierhaufen, sondern bequem per Drag & Drop. Tools wie diese bieten heute alle Voraussetzungen zur erfolgreichen Gliederung von wissenschaftlichen Arbeiten.

Fazit

Die Strukturierung der Thesis ist eine Mammutaufgabe – keine Frage. Mit der richtigen Herangehensweise kommt man jedoch gar nicht erst in die Situation, sich zu verzetteln. Diese beginnt bei der frühzeitigen Erstellung eines Fahrplans zur Bewältigung einer klar definierten inhaltlichen Fragestellung und endet bei einer konsequent durchstrukturierten Notizensammlung. Visualisierungstechniken sowie digitale Strukturierungstools ersparen unnötiges Notizen- und Kopfchaos und sorgen damit effektiv dafür, dass die Thesis zur runden Sache wird. Man muss sie sich nur zunutze machen.

Über die Autorin

Saskia Pauly studiert Management & Marketing mit Schwerpunkt Marktforschung im Kooperationsstudiengang der FAU Erlangen-Nürnberg und der EM Strasbourg Business School. Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass der Weg zum strukturierten wissenschaftlichen Arbeiten nur über die Bewältigung von Zettelchaos führt. Als Teammitglied von Auratikum, der digitalen Zettelkasten-App für Studierende und Promovierende, arbeitet sie daher seit 2017 an der Zukunft des (digitalen) wissenschaftlichen Arbeitens.

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Wer ist Silvio Gerlach?

Silvio ist Thesis- und Diss-Coach seit 2003 und Gründer von Studeo und Aristolo in Berlin. Er liebt das Schreiben und ist Autor zahlreicher Bücher wie des Thesis Guides “In 31 Tagen zur Thesis“ und des Dissertation Guides “In 200 Tagen zur Diss“.
Silvio will jedem Studi EIN Semester sparen.

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